Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Liebe Brüder und Schwestern,
die Lesung des heutigen Tages zeigt uns eine Situation, die fast schon klassisch ist, da Jesus Christus sie während Seines irdischen Lebens immer wieder erlebt und sogar heraufbeschworen hat. Lasst uns sie kurz in Erinnerung rufen:
Jesus sieht Levi, den Zöllner, an seiner Zollstelle sitzen. Jesus spricht ihn direkt an und fordert ihn auf: „Folge mir nach!“ Levi steht auf und schließt sich ihm an.
Anschließend kommt Jesus mit seinen Jüngern in einem Haus zum Essen zusammen. Auch viele Zöllner und Menschen, die als Sünder gelten, setzen sich zu ihnen an den Tisch. Viele von ihnen folgen Jesus bereits nach.
„Und die Schriftgelehrten und Pharisäer, da sie sahen, daß er mit den Zöllnern und Sündern aß, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum ißt und trinkt er mit den Zöllnern und Sündern?“ (Markus 2,15–17).
Er sitzt also zu Tisch mit Zöllnern und Sündern, und die Pharisäer verurteilen diese Seine Tat. Für sie ist bereits die Tatsache, dass Christus mit solchen Menschen Gemeinschaft hat, ein Skandal.
Die Pharisäer repräsentieren dabei die strikte Einhaltung des jüdischen Gesetzes. Man hält sich fern von denjenigen, die dieses Gesetz nicht befolgen, weil sie außerhalb der göttlichen Ordnung stehen. Die Zöllner galten als Außenseiter schlechthin. Ihr Beruf machte sie zu Feinden des eigenen Volkes: Sie trieben die Steuern ein, arbeiteten dabei mit der römischen Besatzungsmacht zusammen und wurden für diese Tätigkeit verachtet. Und auch die „Sünder“ standen außerhalb der Gemeinschaft – Menschen, die aufgrund ihres Lebenswandels oder aufgrund des Brechens des jüdischen Gesetzes als nicht zugehörig betrachtet wurden.
Und nun geht der lebendige Gott genau zu diesen Menschen. Er setzt sich zu ihnen und isst mit ihnen. Für das jüdische Verständnis bedeutete gemeinsames Essen weit mehr als nur die gemeinsame Einnahme einer Mahlzeit. Mit jemandem zu essen bedeutete, mit ihm Gemeinschaft zu haben, ja, geistige Gemeinschaft mit ihm zu pflegen. Und Christus setzt sich gerade nicht zu denjenigen, die das Gesetz vollständig und korrekt befolgen, sondern zu denjenigen, die es brechen.
Ist das nicht ein Skandal? Warum tut der Herr das? Er selbst beantwortet diese Frage. Zum einen, weil Er absolute Barmherzigkeit fordert. Heilung brauchen diejenigen, die krank sind, nicht diejenigen, die sich für gesund und stark halten. Christus selbst sagt: „Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das ist: ›Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer.‹ Denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ (Matthäus 9,9–13).
Christus geht dorthin, wo Heilung notwendig ist. Er wendet sich denjenigen zu, die gefallen und verwundet sind, die ihre eigene Bedürftigkeit erkennen. Und vielleicht liegt darin noch etwas Weiteres: Vielleicht spürt Christus, dass gerade diese Gesetzesübertreter – zumindest potenziell – in einem viel tiefer sitzenden Sinne gottempfänglich sein können. Wer weiß, dass er gefallen ist, kann sich nach Gott ausstrecken. Wer weiß, dass er krank ist, kann den Arzt suchen.
Wenn wir diese Worte auf unsere heutige Zeit übertragen, könnte das etwa so lauten: Nicht diejenigen, die die Fastenzeit perfekt einhalten, die die Bibel auswendig kennen oder am orthodoxesten aussehen, brauchen den Arzt. Nicht unbedingt diejenigen, die sich im Tempel am korrektesten verhalten und genau wissen, was man wann zu tun und zu lassen hat. Den Arzt brauchen vielmehr diejenigen, bei denen es darunter vielleicht etwas wüster und drunter und drüber geht, die viele Fehler machen, nicht perfekt sind und vielleicht sogar vom Weg abgekommen sind.
Aber genau hier hält Christus auch uns einen Spiegel vor. Denn wir können leicht auf die Pharisäer schauen und uns über sie empören. Wir können denken: Wie konnten sie nur so hartherzig sein? Wie konnten sie nur diese Menschen verurteilen? Doch vielleicht müssen wir genauer hinsehen. Denn in Wirklichkeit sind es gerade die vermeintlich Gerechten, die den Arzt brauchen können.
Was ist die eigentliche Krankheit der Pharisäer? Ihnen fehlt die Demut. Der Sünder, der weiß, dass er Sünder ist, besitzt zumindest die Möglichkeit, sich Gott zuzuwenden. Er kann seine Sündhaftigkeit in Trauer anerkennen und sagen: „Gott, sei mir Sünder gnädig und erbarme Dich meiner.“ Er kann mit dem Schächer sprechen: „Herr, gedenke meiner, wenn Du kommst in Dein Reich.“ In einem solchen Menschen liegt Hoffnung, weil er weiß, dass er Gott braucht.
Die eigentliche Schwachheit kann deshalb gerade die Gesetzesreiterei sein. Man kann äußerlich alles richtig machen und innerlich trotzdem krank sein. Man kann den Buchstaben besitzen und dabei den Geist verlieren. Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. Die Korrekten, die Perfekten, die Pharisäer haben den Buchstaben: Sie wissen, was richtig und was falsch ist, sie kennen die Vorschriften und halten sich an sie. Aber ihnen fehlt möglicherweise das Eigentliche – der Geist.
Und gerade die Ausgestoßenen und Sünder können bereit sein, diesen Geist besser zu empfangen. Darin liegt eine gewisse Ironie des Evangeliums: Diejenigen, die ihre Sündhaftigkeit in Trauer anerkennen, können dem inneren Kern des Glaubens, ja dem lebendigen Gott, näher sein als diejenigen, die sich selbst auf der richtigen Seite wähnen.
Liebe Brüder und Schwestern, so etwas gibt es auch in der orthodoxen Welt heute. Auch wir kennen die Versuchung, dass Orthodoxe ihre orthodoxen Brüder verurteilen und ihnen vorwerfen, keine guten oder richtigen Orthodoxen zu sein. Dann heißt es, sie würden keine „kanonischen“ Dinge tun, sie würden sich nicht an die orthodoxen Gesetze halten oder sich gegenüber Sündern zu barmherzig verhalten. „Die akzeptieren doch die Sünde“, heißt es dann. Andere sind wiederum nicht russisch oder griechisch genug, sie übersetzen die Liturgie nicht wörtlich oder machen die Dinge einfach anders, als wir sie gewohnt sind. Und weil sie nicht das tun, was alle tun, werden sie als falsch angesehen.
Der Teufel kennt eine große Kreativität, wenn es darum geht, Gründe zu finden, mit denen wir einander verurteilen können. Ja, vielleicht ist genau das eine seiner größten Versuchungen: Er kann sogar unseren Eifer für den Glauben gegen uns selbst wenden. Ein korrekter Glaube ohne Herz, ohne Barmherzigkeit und ohne unmittelbare Beziehung zu Gott läuft Gefahr, vom Teufel benutzt zu werden. Man wähnt sich auf der sicheren Seite, und gerade diese vermeintliche Sicherheit wird am Ende zu einer offenen Flanke für das Urteil über den anderen.
Derjenige, der auf diese Weise orthodox sein will, kann dabei in einen geistlichen Trug geraten – in das, was die Väter Prelest (geistliche Selbsttäuschung) nennen. Man hält sich für geistlich und merkt nicht, dass man sich selbst täuscht. Das ist am Ende nicht Orthodoxie, sondern Orthodoxismus: Pharisäismus im orthodoxen Gewande.
Der Sünder dagegen, der weiß, dass er ein Sünder ist, schlägt sich an die Brust und bittet: „Gott, sei mir Sünder gnädig und erbarme Dich meiner.“ Er weiß, dass er Gott braucht. Und genau hier spricht der heilige Apostel Paulus von etwas, das weit über die bloße Einhaltung äußerer Vorschriften hinausgeht. Im Brief an die Römer schreibt er: „Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes“ (Römer 8,14–17).
Das ist der Geist der Sohnschaft. Christus sucht bei uns nicht die Knechtschaft eines bloßen Anklebens an irdische Gesetze, sondern die wahre Sohnschaft. Ein Sohn hält sich nicht einfach deshalb an seinen Vater, weil er vor einer Strafe Angst hat. Er kennt seinen Vater. Er vertraut ihm. Er lebt aus der Beziehung zu ihm.
Die wahre Sohnschaft führt dazu, dass wir wahrlich einen Vater im Himmel haben. Und so werden wir zu Miterben Seines Reiches. Paulus geht sogar noch weiter: Die ganze Schöpfung ist in diese Bewegung hineingenommen. Sie ist gefallen und wartet auf Erlösung. Und wenn Menschen sich wahrhaft Gott übergeben, wenn sie sich von Ihm aufrichten und heiligen lassen, dann kann durch sie auch die Schöpfung mitgeheiligt werden.
Darum sollten wir unseren orthodoxen Glauben nicht in ein bloßes Erdenwerk verwandeln, das wir wie die Pharisäer als unser eigenes Werk betrachten. Wir sollten nicht versuchen, Gott dadurch zu beeindrucken, dass wir möglichst korrekt, möglichst streng und möglichst vollkommen erscheinen. Vielmehr sollen wir uns in aller Schwachheit der Hand Gottes übergeben, die uns trägt und uns die Aufgaben gibt, die Er uns zugedacht hat.
Denn unsere Stärke ist nicht unsere eigene Korrektheit. Unsere Stärke ist Er.
Amen.

