Liebe Brüder und Schwestern,
bei Gott gibt es keine Zufälle, und so hat es Seine heilige Vorsehung gefügt, dass wir uns heute, am Sonntag, dem 14. Juni, zum Gottesdienst versammelt haben. Obwohl wir gewöhnlich am Samstag die Göttliche Liturgie feiern, stehen wir heute an einem ganz besonderen Tag vor dem Herrn.
Wir feiern das Fest aller Heiligen, die im russischen Land geleuchtet haben. Zugleich gedenken wir aller Heiligen des deutschen Landes. Und darüber hinaus ist heute auch der Gedenktag zweier großer Zeugen Christi: des heiligen Justin Popović (den ich überaus liebe und schätze) und des heiligen Johannes von Kronstadt.
Wir stehen gewissermaßen mitten in der Erntezeit des Heiligen Geistes. Ihr wisst, es ist kein Zufall, dass das Fest Allerheiligen unmittelbar auf Pfingsten folgt. An Pfingsten wurde der Heilige Geist auf die Kirche ausgegossen. Unser Herr sagt diese wunderschönen Worte, dass Er ein Feuer auf die Erde wirft, von dem Er sich wünscht, es würde schon brennen. Heute zeigt uns die Kirche die Frucht dieser Ausgießung.
Der heilige Justin Popović schreibt darüber: „Die Heiligen sind der sichtbar gewordene Sieg Christi. Sie sind das Evangelium, das im Leben der Menschen Wirklichkeit geworden ist.“
Liebe Freunde, die Heiligen sind nicht einfach gute Menschen. Sie sind nicht bloß moralische Vorbilder. Sie sind Menschen, die Christus so sehr in ihr Leben aufgenommen haben, dass Er in ihnen sichtbar geworden ist. Der heilige Nikolaus Velimirović (ein Zeitgenosse des heiligen Justin) sagt dazu: „Die Heiligen sind keine Menschen, die nie gefallen sind, sondern Menschen, die nach jedem Fall wieder aufgestanden sind und sich an Christus festgehalten haben.“
Wenn wir heute die Heiligen verehren, dann feiern wir die Frucht des Wirkens des Heiligen Geistes. An Pfingsten wurde gesät, und heute betrachten wir die Ernte.
Wozu lebt der Mensch?
Wenn wir über die Heiligen reden, so ist für mich damit eine der zentralen Fragen des Lebens verbunden: Wozu lebt der Mensch? Warum sind wir hier? Die Welt gibt viele Antworten.
- Manche sagen: um erfolgreich zu sein.
- Andere sagen: um glücklich zu werden.
- Wieder andere sagen: um etwas aufzubauen, Besitz zu erwerben oder Spuren zu hinterlassen.
- Ein anderes Ziel: in seinen Kindern weiterzuleben.
Unser Glaube gibt uns eine konkrete Antwort: Der Mensch wurde zur Heiligkeit geschaffen, er wurde geschaffen, um an Gott teilzuhaben. Der heilige Gregor von Nyssa sagt: „Der Zweck des menschlichen Lebens besteht darin, an den göttlichen Gütern teilzuhaben.“
Was wir Vergöttlichung nennen: Theosis.
Wir leben, damit Christus in uns Gestalt gewinnt. Damit wir einst mit dem Apostel Paulus sagen können: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal 2,20)
Das ist das Ziel des christlichen Lebens. Und zwar:
- nicht bloß ein besserer Mensch zu werden,
- nicht bloß anständig zu leben,
- nicht bloß gute Werke zu tun,
- sondern Christus Raum zu geben.
Welch Mysterium: Der Mensch wird erst wahrer Mensch, wenn er über sich selbst hinauswächst. Der Weg dazu ist Synergie, ein Zusammenwirken von Gott und mir.
Die Heiligen als das gelebte Evangelium
Der heilige Justin Popović schreibt: „Die Leben der Heiligen sind das Evangelium in Aktion.“
Lasst es mich vereinfacht sagen: Die Heiligen sind Auslegungen des Evangeliums im Leben.
Wer wissen möchte, wie die Bergpredigt aussieht, wenn sie gelebt wird, der schaue auf die Heiligen. Wer wissen möchte, wie die Vergebung aussieht, zu der uns der Herr aufruft, der schaue auf die Heiligen. Wer wissen möchte, was diese kaum menschenmögliche Demut, zu der wir berufen sind, im konkreten Leben sein kann, der schaue auf die Heiligen.
Es sind die, von denen der heilige Apostel Paulus schreibt: „Ihr seid ein Brief Christi, gelesen und erkannt von allen Menschen.“ Ein Brief, nicht aus Papier, nicht aus Tinte, sondern ein lebendiger Brief, berufen, von Christus zu zeugen.
Brüder und Schwestern, seid versichert: Die Welt liest euch, bevor sie das Evangelium liest. Oder sie liest nie das Evangelium, aber sie liest uns. Sie betrachtet unser Leben. Die Frage für uns ist: Kann die Welt in uns Christus erkennen?
Das Herz als Spiegel Gottes
Alexander Solschenizyn beschreibt in einem Gedicht einen stillen See im Licht des Vollmondes. Wenn die Wasseroberfläche ruhig ist, spiegelt sich der Mond vollkommen darin wider. So soll auch das menschliche Herz sein. Ein ruhiges Herz wird zum Spiegel Gottes.
Wie der heilige Johannes Chrysostomos dazu sagt: „Wie ein aufgewühltes Wasser kein Bild widerspiegeln kann, so kann eine von Leidenschaften bewegte Seele Gott nicht erkennen.“
Zorn, Neid, Eitelkeit, Selbstsucht, Unversöhnlichkeit – sie alle trüben die Oberfläche unseres Herzens. Deshalb ist unser Kampf nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Leidenschaften. Nicht, weil Gott Regeln liebt, sondern weil Er unser Herz reinigen möchte. Denn nur ein gereinigtes Herz wird fähig, Gott zu erkennen und in sich aufzunehmen.
Wie hören wir den Willen Gottes?
Viele Menschen fragen: „Was ist Gottes Wille für mein Leben?“ „Welchen Weg soll ich gehen?“ „Was soll ich tun?“
Diese Frage begegnet uns allen in unserem Leben. Und die Sehnsucht nach einer Antwort ist groß. Wir wünschen uns einen weißen, gütigen Starez mit langem Bart, der uns sagt, was wir tun müssen.
Aber für Gott ist unser freier Wille etwas unglaublich Wertvolles. Und was für mich sehr tröstlich ist: Wir müssen uns nicht zu einem bestimmten Niveau hin entwickeln, auf dem Gott uns erwartet. Er beugt sich zu uns hinunter und ist immer da.
Wir suchen oft nach komplizierten Antworten. Morgen fange ich mit einer Gebetsregel an. Ich pilgere. Ich schaue non-stop Videos über das orthodoxe Leben. Das ist nicht falsch oder schlecht. Aber Gott beginnt meist mit etwas Einfachem: Kehr um. Bete. Vergib. Bleibe treu. Werde demütig.
Demut – die Tür zum Himmel
Der heilige Isaak der Syrer sagt: „Die Demut ist das Gewand der Gottheit.“
Ohne Demut gibt es kein geistliches Leben. Ohne Demut gibt es keine Heiligkeit. Ohne Demut gibt es keine Gotteserkenntnis.
Wie unser Herr selbst sagt: „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“
Die Heiligen wurden nicht deshalb heilig, weil sie außergewöhnlich begabt waren. Sie wurden heilig, weil sie gelernt haben, Christus den ersten Platz zu geben.
Denkt an die Synergie, das Zusammenwirken zwischen Gott und mir. Anthony Bloom (von Sourozh) sagt dazu: „Heiligkeit nährt sich von zwei Seiten. Sie erwächst aus der Gnade Gottes einerseits und der Ergebenheit des Menschen andererseits.“
Die Heiligen des russischen und des deutschen Landes
Heute feiern wir die Heiligen des russischen Landes. Wir feiern die heiligen Fürsten und Mönche. Die Märtyrer und Bekenner. Die Narren um Christi willen. Die neuen Märtyrer des 20. Jahrhunderts, die in unserer modernen und aufgeklärten Zeit ihr Leben für Christus gelassen haben.
Zugleich feiern wir die Heiligen des deutschen Landes, Heilige einer reichen orthodoxen Vergangenheit, auch und vor allem in diesem Land: den heiligen Ansgar von Hamburg, die heilige Walburga, den heiligen Willibald, die heilige Lioba, den heiligen Rupert, Nicetius von Trier, den Fürsten Tassilo von Bayern und unzählige andere.
Sie alle sprechen dieselbe Sprache. Nicht Russisch. Nicht Deutsch. Sondern die Sprache des Heiligen Geistes. Denn in Christus gibt es weder Ost noch West. Es gibt nur das Reich Gottes.
Heilige – Menschen wie wir
Brüder und Schwestern,
an Pfingsten wurde der Same ausgesät. Heute sehen wir die Frucht. Die Heiligen zeigen uns, was aus einem Menschen wird, wenn er sich ganz Christus übergibt.
Sie sind keine unerreichbaren Helden, nein: Sie sind Menschen wie wir. Menschen, die gefallen sind. Menschen, die gekämpft haben. Menschen, die gelitten haben. Aber Menschen, die Christus niemals losgelassen haben.
Bitten wir daher heute alle Heiligen des russischen Landes, alle Heiligen des deutschen Landes, den heiligen Justin Popović, den heiligen Johannes von Kronstadt und alle Heiligen Gottes:
Dass auch in uns Christus Gestalt gewinnt.
Dass auch unser Herz ein Spiegel Seines Lichtes werde.
Dass auch wir lebendige Steine Seiner Kirche werden.
Amen.

