Predigt in der orthodoxen Kirche

Leben im Geist des Evangeliums

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Liebe Brüder und Schwestern, 

im Evangelium des heutigen Tages gibt unser Herr und Heiland Jesus Christus ganz praktische  Anweisungen an seine Jünger. Diese Anweisungen gehen uns alle im Leben an, wenn wir uns immerdar nach dem Himmelreich  ausrichten. Es sind Dinge, derer wir immer im Herzen gewahr sein müssen, die wir richtig üben müssen, bis wir unsere weltliche Gesinnung verdrängt haben.

Da ist zum einen die Vergebung. Christus warnt seine Jünger davor, andere Brüder zu verführen. Einen Bruder oder eine Schwester zum Bösen zu verführen ist so schlimm, dass es besser für den Verführer sei, „dass man einen Mühlstein um seinen Hals hängte und würfe ihn ins Meer“ (Lk. 17,2), als dass diese Verführung glücke.

Was bedeutet das? Ich denke nicht, dass wenn man selbst an einer Versuchung schwach wird, dass Christus uns unmittelbar und für alle Ewigkeiten verurteilt. Das ist nicht gemeint. Man kann immer umkehren, oder umgeisten. Christus betont hier aber den Grad der Schwere der Sünde, einen anderenBruder zur Verführung zum Bösen zu verleiten. Wider besseren Wissens. Also jemanden bewußtzum Bösen zu verleiten, wenn man weiß, dass es das Böse ist. Die Untreue zum Bruder wiegt hier so schwer, als ob man sein Leben verwirkt hätte. Man ist wie tot, wenn man so etwas tut.

Aber wir wissen ja, dass Christus selbst die Toten auferweckt. Wenn ein Bruder oder eine Schwester zu uns kommt, und um Vergebung bittet, so sollen wir ihm oder ihr vergeben. Unmittelbar, ohne Bedingungen. Und vergeben wir ihm wahrlich im Herzen, nicht äußerlich. Wir sind alle schwach und bedürfen der Vergebung von Gott. Also sollen auch wir einander immer vergeben und um Vergebung bitten. Christus sagt, dass wir auch vergeben sollen, selbst wenn der Bruder oder die Schwester immer  wiederholt zu uns kommt und um Vergebung bittet, selbst wenn es sich um dieselbe Sache handelt. Komme er auch tausendmal, so sollen wir auch tausendmal vergeben.

Die Welt und ihr Fürst, Satan, wollen von uns, dass wir unsere Geduld mit unserem Nächsten verlieren. Hören wir es nicht oft in diesem weltlichen Leben, dass wir dem anderen Grenzen aufzeigen sollen, und wenn er sich nicht bald bessert, dass wir ihm nicht vergeben sollen? Es wird ja sogar als pädagogisches Mittel angeboten, dieses Nichtvergeben. „Dann wird er schon merken, was er gemacht hat“. Aber nein, nicht so im Himmelreich, und es ist besser, wir leben im Hier und Jetzt schon nach den Prinzipien des Himmelreiches: Wenn ein Bruder kommt und um Vergebung bittet, vergeben wir ihn, umarmen wir ihn, küssen ihn und weinen mit ihm. Denn auch wir sind Sünder und wo sich die Brüder so vereinen, lebt Christus unter und in ihnen. Das wirft unnötigen Ballast ab, der uns beim Aufstieg auf der Himmelsleiter zu schwer geworden ist.

Und es geht ja sogar noch weiter. Ich denke gerade daran, wie es in orthodoxen Klöstern ist: Ein Mönch hat etwas kaputt gemacht. Der Altvater kommt und fragt: Wer war das? Da kommt der erste und sagt „Ich war’s“, da kommt der zweite und sagt „Nein, ich war’s“, und  nacheinander jeder und sagt „Ich war’s“.

Christus spricht weiterhin von der Kraft des Glaubens. Hätten wir Glauben wie ein „Senfkorn“ (Lk. 17, 5), so können wir Unglaubliches damit verrichten. Christus bezeugt den Menschen ja oft, dass ihr Glaube sie gerettet hat. Damit ist aber nicht dieses protestantische Verständnis von Glauben als einem Fürwahrhalten gemeint. Stell dir nur stark genug etwas vor, und es wird Wirklichkeit. Nein, nein. Das ist es nicht. Glauben kommt von geloben und meint die Treue zum Herren.

In Gott vermögen wir alles zu tun. Das beinhaltet freilich die Einswerdung meines Willens mit dem Willen des Herren. Nicht die Überbetonung, dass ICH jetzt dies und das brauche und bitte den Herren, dass er es mir bringe, und wenn das nicht geschieht, dann zweifle ich am Herren und am Glauben. Nein, es muß genau andersherum sein. Der Herr ist uns immer treu, lassen wir uns vollständig in seine Arme fallen und tun, was er von uns begehrt, und es werden wahrlich Berge versetzt werden, denn Gott und Mensch vereint sind unschlagbar.

Und zuletzt spricht der Heiland von der Pflicht des Knechtes. Auch dies ist ganz fundamental für unser wahrhaftiges Leben in Gott. Wir sollen keinen Dank erwarten für das, was wir zu tun schuldig waren. Wir sind Knechte Gottes und Knechte unserer Brüder und Schwestern, und als Knechte sind wir verpflichtet, Gott und den Menschen zu dienen, ihnen Gutes zu tun. Es sind dies nicht die Werke, durch die wir Erlösung erhalten. Es ist allein Gott selbst, der uns erlöst, nicht unsere Werke. Aber wahrer Glaube ohne Werke ist tot.

Wir lieben unsere Kinder. Wir tun ihnen Gutes aus Liebe. Nicht aus moralischen Erwägungen  heraus. Wir geben ihnen Essen, Wärme und Erziehung aus Liebe. Darum geht es. „Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe“ (Gal. 5, 22). Das ist die „Frucht“ (Gal. 5), die wir bringen sollen. Und Liebe ist eine Entscheidung. Ich liebe dich, das ist eine Entscheidung, kein bloßes Gefühl. Es ist ein Opfer. Man geht aus Liebe zur Familie arbeiten, man zwackt etwas vom eigenen Leben ab für den anderen. Wie kann es da passend sein, Dank zu erwarten? Das paßt doch nicht. Das sind wir einander schuldig.

Christus meint hier auch, dass wir als Knechte nicht erwarten können, immer die Ersten zu sein. Sondern als Knechte sind wir Diener und wir haben zu erwarten, erst zu dienen und danach erst unseren Teil zu ergreifen. Einen Befehl auszuführen, das ist etwas, was dem modernen Menschen ein Skandal ist und was er nicht mehr recht greifen kann. Aber dem Menschen der Tradition ist es sonnenklar: Ein Befehl ist ein Befehl, und für die Ausführung eines Befehls erwarten wir keinen Dank. Das ist Unsinn. Es ist das mindeste, was wir tun können.

„Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan“ (Lk. 17, 10). Freilich, hier ist nicht der kalte Kadavergehorsam gemeint, sondern das, was wir aus Liebe zu Gott und dem Nächsten als selbstverständlichen Dienst verrichten. So möge unser Herz eine Grotte werden, in dem der Heiland geboren wird. Oder wie Angelus Silesius (der schlesische Engel, Johannes Scheffler) sagt: „Berührt dich Gottes Geist mit seiner Wesenheit, So wird in dir gebor’n das Kind der Ewigkeit.“ (Cherubischer  Wandersmann). Denn unser allmächtiger Gott selbst hat es doch genauso vorgemacht, wie er von seinen Jüngern fordert. Er hat sich erniedrigt und ist Mensch geworden, ja, ein kleines Kind und hat sich von Menschen in Windeln wickeln lassen.

Amen.