Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Heute, am 14. August, begehen wir eine Kreuzprozession. Warum wir das heute tun, hat zwei Ursachen. Die eine ist die Erinnerung an eine Prozession, die in Konstantinopel jedes Jahr begangen wurde, um die Stadt vor Malaria und Stadtbränden zu bewahren.
Die andere Ursache ist die sogenannte „Akedia“ – ein Zustand von Niedergeschlagenheit, Erschöpfung und innerer Unruhe, der den Menschen gerade in den heißesten Stunden des Tages befallen kann.
Evagrios Ponticus, ein Wüstenmönch des 4. Jahrhunderts und einer der ersten Autoren, die das geistliche Leben des Menschen ausführlich beschrieben haben, nannte die Akedia den „Mittagsdämon“. Warum gerade „Mittagsdämon“? In der Wüste, wo die Mönche lebten, war die Hitze um die Mittagszeit am stärksten. Der Tag schien stillzustehen, alles um einen herum wurde ruhig, und für den Menschen wurde es besonders schwer. Er sitzt da und verrichtet seine Arbeit, zum Beispiel flechtet er einen Korb. Aber es kommt ihm vor, als würde die Zeit überhaupt nicht vergehen. Die Stunden ziehen sich, der Tag scheint kein Ende zu nehmen, und in ihm wachsen Müdigkeit, Unruhe und der Wunsch, alles hinzuschmeißen.
Das Entscheidende an der Akedia geschieht aber nicht außerhalb des Menschen, sondern in seinem Inneren. Ein Gedanke kommt: „Wie gut wäre es doch an einem anderen Ort.“ Wenn ich ein anderes Leben hätte, eine andere Arbeit, eine andere Wohnung, einen anderen Dienst, andere Umstände – dann wäre alles besser. Wenn ich jetzt nicht hier, sondern irgendwo anders wäre, wäre alles anders.
So hört der Mensch allmählich auf, das Leben zu leben, das ihm gegeben ist. Er schaut ständig auf ein anderes Leben und denkt, dass Frieden und Ruhe irgendwo dort zu finden sind. Daraus entsteht eine innere Lähmung: Der Mensch ist müde von seinem eigenen Leben und zugleich unruhig und beschäftigt mit der Frage, wie er es verändern könnte. Er möchte seinen Platz verlassen, noch einmal ganz von vorne anfangen, sich irgendwo anders neu finden.
Aber genau darin liegt die Täuschung. Der Frieden befindet sich nicht an einem anderen Ort. Man kann der inneren Leere nicht einfach dadurch entkommen, dass man die Arbeit, die Wohnung oder die äußeren Umstände wechselt. Wenn das Herz unruhig bleibt, nimmt es diese Unruhe überallhin mit. Deshalb haben die Heiligen so ernst über die geistliche Verblendung gesprochen – über diesen feinen inneren Betrug, bei dem der Mensch meint, das Heil liege nicht hier, wo er gerade ist, sondern irgendwo anders.
Darum steht das Kreuz Christi in der Mitte unseres Lebens. Es erinnert uns daran, dass das Heil nicht darin liegt, ständig vor unserem eigenen Leben davonzulaufen, sondern bei Christus zu bleiben, auch wenn es schwer ist. In Krankheit, in Müdigkeit, wenn das Geld knapp ist, in Einsamkeit, in innerer Leere, wenn man das Gefühl hat, dass überhaupt nichts geschieht und Gott zu schweigen scheint.
Der Mensch möchte davonlaufen. Aber gerade dann ist es wichtig, Christus treu zu bleiben. An seinem Platz zu bleiben und dieser inneren Stimme nicht nachzugeben: „Alles wäre gut, wenn du nur irgendwo anders wärst.“ Christus begegnet uns gerade hier – in unserem wirklichen Leben, mit all seinen Schwierigkeiten und Unvollkommenheiten.
Am Ende rettet uns nicht ein anderer Ort, nicht andere Umstände und auch kein anderes Leben. Christus rettet uns. Deshalb erinnert uns die Kreuzprozession nicht nur an das Kreuz als Zeichen unseres Glaubens, sondern auch daran, bei Christus zu bleiben – dort, wo wir jetzt sind. Auch wenn es schwer ist, auch wenn es scheint, als wäre die Zeit stehen geblieben: nicht davonlaufen, sondern ausharren. Gerade durch diese Beständigkeit und durch das Vertrauen auf Gott findet der Mensch Schritt für Schritt zum Heil.
Amen.

