Am 25. April, dem Tag der heiligen Myrrhetragenden Frauen, unternahm unsere Karlsruher Gemeinde zu Ehren der heiligen Apostel Petrus und Paulus eine Pilgerreise nach Straßburg zur russisch-orthodoxen Allerheiligenkirche, der Église orthodoxe de Tous-les-Saints de Strasbourg. Wir nahmen an der Göttlichen Liturgie teil und wurden anschließend vom Vorsteher der Gemeinde, Archimandrit Philipp (Ryabykh), herzlich begrüßt und durch Kirche und Gemeindehaus geführt.
Orthodoxie als Teil der christlichen Geschichte Europas
Mit großem Interesse folgten wir dem Bericht von Vater Philipp, der für einige Stunden unser Gastgeber und Begleiter war. Durch seine ruhige und zugleich tiefgründige Art gelang es ihm, die Geschichte der Gemeinde lebendig werden zu lassen und die geistliche Bedeutung dieses Ortes zu vermitteln.
Vater Philipp ist offizieller Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche bei den europäischen Institutionen in Straßburg und Brüssel. In seinem Dienst setzt er sich seit vielen Jahren für den Dialog zwischen der Orthodoxie und den christlichen Traditionen Europas ein. In seinen Erzählungen wurde deutlich, wie wichtig ihm die Verbindung zwischen den frühchristlichen Wurzeln des Elsass und der heutigen orthodoxen Gemeinde in Straßburg ist. Die Orthodoxie in Frankreich ist dabei nichts Fremdes, sondern ein lebendiger Teil der christlichen Geschichte Europas.
Entstehung und Entwicklung der Gemeinde in Straßburg
Besonders eindrücklich konnten wir uns in die Entstehungsgeschichte der Straßburger Gemeinde hineinversetzen: Ihre ersten Gottesdienste feierte sie einst in einer Garage mit einer Handvoll Gläubiger. Schritt für Schritt, durch Gebet, Beharrlichkeit und Gottes Hilfe, entwickelte sich daraus eine blühende Gemeinde und ein Anziehungspunkt für orthodoxe Christen im Elsass und im angrenzenden deutschen Baden.
Die Straßburger Gemeinde besitzt den Status einer stavropigialen Gemeinde – direkt dem Patriarchen unterstellt – auch aufgrund ihrer besonderen Bedeutung als Vertreterin der Russischen Orthodoxen Kirche bei den europäischen Institutionen. Diese Erfolgsgeschichte machte uns Karlsruhern, die noch kein eigenes Gotteshaus besitzen und inständig darum beten, große Hoffnung. Der Weg von der „Garagenkirche“ bis zum Bau einer eigenen Kirche war in Straßburg alles andere als leicht und dauerte rund zehn Jahre.
Auch die Karlsruher Gemeinde hat sich in den fünf Jahren seit ihrer Gründung von einer kleinen Gruppe von Gläubigen zu einem lebendigen und stetig wachsenden Ort des Glaubens entwickelt. Wir beten, dass auch wir weiter wachsen und eines Tages einen eigenen, wenn auch bescheidenen Gebetsraum finden.
„Weißer Schwan von Straßburg“ – Kirchenbau 2014–2018
Beeindruckt hat uns der Bericht von Vater Philipp über den Bau der Kirche und die Schwierigkeiten, die dabei überwunden werden mussten. Der Bau begann 2014 und wurde 2018 abgeschlossen.
Mit ihren goldenen Kuppeln, den hellen Fassaden und den anmutigen Formen wird sie von manchen Straßburgern poetisch die „Perle Straßburgs“ oder der „Weiße Schwan von Straßburg“ genannt. Heute halten Reisebusse regelmäßig vor der Kirche, und das Kirchengelände ist zu einem viel besuchten Ort für Gäste der Stadt geworden. Nicht zuletzt ist diese erfolgreiche Integration in das Stadtbild auch der offenen Haltung der Gemeinde gegenüber allen Besuchern zu verdanken, die Interesse am orthodoxen Glauben und Brauchtum haben.
Doch obwohl die äußere Gestalt vollendet ist, bleibt noch viel zu tun: Die Kirche soll künftig vollständig mit Ikonen und Wandmalereien ausgeschmückt werden – eine große und kostspielige Aufgabe, die sorgfältige Vorbereitung erfordert. Viele Menschen haben den Bau durch ihre Spenden unterstützt – sowohl große Unternehmenssponsoren als auch zahlreiche Privatpersonen.
Der langjährige Freund und Förderer der Gemeinde, der weltbekannte Geiger und Dirigent Wladimir Teodorowitsch Spiwakow, unterstützte nicht nur den Bau der Kirche durch seine Hilfe bei der Gewinnung von Sponsoren, sondern schenkte der Gemeinde auch wertvolle Heiligtümer. Besonders bedeutend ist eine alte Ikone der Gottesmutter vom Typ „Hodegetria“ („Die Wegweisende“), die heute zu den kostbaren Schätzen der Straßburger Allerheiligenkirche gehört.
Heiligtümer
Viele Ikonen in der Kirche stammen aus dem Heiligen Erzengel-Michael-Frauenkloster in Odessa, das für seine traditionsreiche ikonographische Werkstatt bekannt ist.
Im Eingangsbereich der Kirche befindet sich die Ikone der Schutzpatronin der Stadt – der Gottesmutter von Straßburg. Mit dieser Ikone verbindet sich eine alte Überlieferung: In der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts, während der Kämpfe zwischen Kaiser Ludwig dem Frommen und seinen Söhnen, geriet Straßburg in große Gefahr. Der Legende nach erschien die Gottesmutter und bewahrte die Stadt vor der Zerstörung durch feindliche Truppen.
Zum Dank für diese wunderbare Bewahrung verehrten die Straßburger die Gottesmutter fortan als ihre Schutzpatronin. Ihr Bild erschien auf einem Banner, das besonders in Zeiten der Gefahr und bei militärischen Auseinandersetzungen mitgeführt wurde und zu einem wichtigen geistlichen Symbol der Stadt wurde.
In der Kirche werden zahlreiche Reliquien aufbewahrt. Von besonderer Bedeutung für das Elsass und die Straßburger Orthodoxie sind die heiligen Märtyrerinnen Vera, Nadeschda, Ljubov und ihre Mutter Sofia (russisch für Glaube, Hoffnung, Liebe und Weisheit). Im griechischen Original heißen sie Pistis, Elpis, Agape und Sophia. Bereits seit dem 8. Jahrhundert werden ihre Reliquien im elsässischen Eschau verehrt. Für die Gemeinde sind sie nicht nur himmlische Fürsprecherinnen, sondern auch ein lebendiges Zeichen dafür, dass die orthodoxe Tradition im Elsass tiefe historische Wurzeln besitzt.
Verehrung elsässischer frühchristlicher Heiligen in der Karlsruher Gemeinde
Die Verbindung zum Elsass ist unserer Gemeinde ohnehin vertraut. Auch in Karlsruhe werden die frühchristlichen Heiligen verehrt, die durch ihr Leben den christlichen Glauben in der Region geprägt haben. Die heiligen Märtyrerinnen Vera, Nadeschda, Ljubov und ihre Mutter Sophia sowie die heilige Odilia sind uns seit Langem bekannt. Schon zur Tradition geworden ist in unserer Karlsruher Gemeinde die jährliche Pilgerreise zum Odilienberg, zum Kloster der heiligen Odilia, jeweils im Herbst rund um ihren Gedenktag.
Positive Eindrücke der Pilger
Wie jede Pilgerreise hat auch dieser eintägige Besuch in Straßburg uns alle sehr bereichert. Wir nutzten nicht nur eine kostbare Gelegenheit, die Geschichte und die Traditionen des orthodoxen Glaubens in Europa tiefer kennenzulernen und uns mit den frühchristlichen Wurzeln unseres Glaubens zu verbinden, sondern erlebten dies auch gemeinsam mit Brüdern und Schwestern in Christus. Gestärkt und innerlich befriedet kehrten wir in unseren Alltag zurück.
Stimmen der Pilger
“Ich empfand tiefe Freude darüber, dass es einen Ort gibt, an den Menschen orthodoxen Glaubens kommen können, um zu beten und durch den Aufenthalt in der Kirche unsichtbare Kraft zu schöpfen. Das ist für meine Familie sehr wichtig. Ich wünsche dieser Kirche viel Erfolg und Gottes Segen für alle ihre Unternehmungen.”
Svetlana
“Die Predigt des Kirchenvorstehers, Vater Philipp, hat mir sehr gut gefallen. Ich habe mir einige Gedanken mitgenommen, über die ich nachdenken möchte. Der Kirchenvorsteher und die Gemeinde der Kirche haben uns wirklich sehr herzlich empfangen! Die Kirche selbst ist sehr schön und einladend. Auch unsere Gruppe war für mich inspirierend. Das Singen der Gebete und Troparien während der Fahrt hat mich tief im Herzen berührt.”
Vadim
“Jede Ikone, jeder Stein wurden mit Liebe und Sorgfalt zusammengestellt – das beeindruckt und inspiriert. Ich bin sehr dankbar für die Gastfreundschaft und das köstliche Mittagessen.”
Jana
“Die Reise hinterließ in mir ein Gefühl besonderer Wärme und stiller Freude. Es herrschte eine Atmosphäre der Geborgenheit und einer gewissen Vertrautheit, als wären wir nicht an einen neuen Ort gekommen, sondern zu jemandem, den wir schon lange kennen. Die Kirche selbst ist sehr schön und reich geschmückt – man sieht, dass alles mit Liebe und großem Einsatz gestaltet wurde. Das ist wirklich inspirierend. Und natürlich ist unsere Gruppe eine besondere Freude. Es war schön, diese Zeit gemeinsam zu verbringen; man spürte die Verbundenheit.”
Kirill















